Das Arbeiten mit Typologien

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Auszug aus der poolologie – S. 53

Wohnungsbau ist keine trockene Disziplin – beim Betrachten von Geschossgrundrissen spielt sich vor dem inneren Auge ein Film ab, der von den Geschichten hypothetischer Bewohner, deren Lebensumständen und Träumen handelt. Darüber hinaus verbirgt sich hinter dem Plan als Werkzeug eine kulturelle Tradition, die von gesellschaftlichen Konventionen mit ästhetischen Vorlieben und wechselnden Raumvorstellungen erzählt. Grundrisspläne sind ein über Kulturgrenzen hinweg allgemeingültiges, verständliches und in der Gegenüberstellung aussagekräftiges Instrument. In umgekehrter Richtung gedacht, entsteht während der Entwurfsarbeit des Architekten aus angestrebter Gebrauchstauglichkeit sowie gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen eine unerschöpfliche Variations- und Kombinationsvielfalt, eine faszinierende Verschmelzung aus Formen und Strukturen, die immer wieder neue oder abgewandelte Typen hervorbringt. Der einzelne Grundriss und die Zeichnung, die ihn repräsentiert, ist dahingehend eine Art Lehrgerüst, eine Hilfskonstruktion und Projektionsfläche, bereit zur Aufnahme von Erzählungen, die von Architekten, aber auch von späteren Bewohnergenerationen erdacht werden.
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Auszug aus der poolologie – S. 54

 

Beim Arbeiten mit Typologien geht es in diesem Sinne also nicht um die Erarbeitung und Wiederholung von Standards, die in zuvor nach städtebaulichen Kriterien festgelegte Hüllen gefüllt werden, sondern um die Herausbildung einer spezifischen Lösung, die den Schnittpunkt einer Vielzahl an Einflussfaktoren auf der Zeitachse zwischen Vergangenheit und Zukunft bezeichnet. 

Der Wohnungsbau wird bis heute von Rationalität und Standardisierung bestimmt. Deren Bedeutung war früher jedoch von völlig anderer, bisweilen existenzieller Natur. Die Protagonisten des Neuen Bauens übertrugen ihre städtebaulichen und sozialen Anliegen auf den Massenwohnungsbau, von dem sie die grösste Breitenwirkung erwarteten. Unter der Prämisse «Bauen für alle» galt es, Wohnungen zu schaffen, die für jeden erschwinglich waren und zumindest die Grundbedürfnisse der Bewohner erfüllten. Licht, Luft und Sonne waren die Schlagwörter jener Zeit, mit denen die Architekten gegen die Wohnverhältnisse in dunklen, feuchten Hinterhöfen der Gründerzeitära ins Feld zogen. Ziel war in erster Linie, für die kinderreichen Familien der Arbeiterschicht bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Helle Räume mit Fenstern zum Lüften, in die Wohnung integrierte Küchen und Bäder, aber auch getrennte Schlafräume für Kinder und Eltern waren programmatisch. Neue Fertigungsprozesse und Baumaterialien, die zu einer Serientauglichkeit des Bauens führten, die Minimierung der Grundrisse auf das Notwendige sowie die Reduktion der Details, Formen und des Dekors waren die Merkmale der damaligen Wohnungsbauten. «Die neue Zeit fordert den eigenen Sinn. Exakt geprägte Formen, jeder Zufälligkeit bar, klare Kontraste,

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Auszug aus der poolologie, eine Typensammlung, Regelgeschosse – S. 69

ordnende Glieder, Reihung gleicher Teile und Einheit von Form und Farbe werden entsprechend der Energie und Ökonomie unseres öffentlichen Lebens das ästhetische Rüstzeug des modernen Baukünstlers werden», beschrieb Walter Gropius vor etwa hundert Jahren die kommende Architektur. (Walter Gropius, «Die Entwicklung moderner Industriekunst», in: Die Kunst in Industrie und Handel, Jahrbuch des Deutschen Werkbundes 1913, Jena 1913, S. 17–22)  

Während für die Architekten des Neuen Bauens der gesellschaftliche Umbruch noch Fluchtpunkt ihrer architektonischen Utopien war, wurde der Massenwohnungsbau mit seinen standardisierten Grundrissen und Bauelementen für den Wiederaufbau des kriegszerstörten Europas eine ökonomische Notwendigkeit. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts haben sich die Voraussetzungen jedoch fundamental gewandelt. Der Identitätsverlust durch die in Ballungsräumen marginalisierten Siedlungskerne und deren weitgehend wegrationalisierte Altbausubstanz verbunden mit einer vielerorts ungehemmt andauernden Bautätigkeit führte zu wachsendem Widerspruch aus der Bevölkerung. Die für die Arrondierung der Siedlungsgebiete notwendige innere Verdichtung stellt heute vielschichtige Fragen, die nach differenzierten Antworten verlangen. Wohnbauten vor allem als lukrative Investitions- und markttaugliche Designobjekte zu betrachten, greift

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Auszug aus der poolologie, eine Typensammlung, Regelgeschosse – S. 83

zu kurz. Die Verankerung im Quartiersumfeld, das identitätsstiftende Potenzial im Öffentlichen und die Unterscheidbarkeit im Privaten gewinnen zunehmend (wieder) an Bedeutung und sprechen für eine Angebotsvielfalt und kreative konzeptionelle Ansätze. 

Neben der beschriebenen Tendenz zur Vereinheitlichung gab es immer auch Protagonisten, die gerade im Wohnungsbau einen architektonischen Denkraum sahen. Beim Durchforsten von Wohnhäusern und Siedlungen in Europas Städten aus verschiedenen Epochen – des Jugendstils und des Expressionismus, der Nachkriegsarchitektur Italiens, der Wohnbauproduktion des Brutalismus – sowie der zahlreichen Architekturperlen auf andern Kontinenten, aber auch weiter zurückliegender historischer Vorbilder stossen wir auf einen unermesslichen Fundus an Grundriss- und Gebäudetypen mit einem eigenen, spezifischen Ausdruck und einem differenzierten Wohnangebot. Wir betrachten diese Sammlung von Typen als architektonische Basis, als Mitte, aus der heraus zahlreiche neue Projekte hervorgehen.  

In diesem Buch versuchen wir, das Wechselspiel diverser Faktoren zu beleuchten. Dabei steht die typologische Sammlung im Zentrum. Um sie herum sind die Fragen nach dem Einfluss durch Utopien und Erfindungen, durch den spezifischen Ausdruck des Materials und durch die Kultur des Interieurs auf den Typus und umgekehrt Gegenstand der Auseinandersetzung.

- Simone Jeska, Raphael Frei, Mathias Heinz 

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Auszug aus der poolologie – S. 53

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