
Auszug aus der poolologie – S. 53

Auszug aus der poolologie – S. 54
Beim Arbeiten mit Typologien geht es in diesem Sinne also nicht um die Erarbeitung und Wiederholung von Standards, die in zuvor nach städtebaulichen Kriterien festgelegte Hüllen gefüllt werden, sondern um die Herausbildung einer spezifischen Lösung, die den Schnittpunkt einer Vielzahl an Einflussfaktoren auf der Zeitachse zwischen Vergangenheit und Zukunft bezeichnet.
Der Wohnungsbau wird bis heute von Rationalität und Standardisierung bestimmt. Deren Bedeutung war früher jedoch von völlig anderer, bisweilen existenzieller Natur. Die Protagonisten des Neuen Bauens übertrugen ihre städtebaulichen und sozialen Anliegen auf den Massenwohnungsbau, von dem sie die grösste Breitenwirkung erwarteten. Unter der Prämisse «Bauen für alle» galt es, Wohnungen zu schaffen, die für jeden erschwinglich waren und zumindest die Grundbedürfnisse der Bewohner erfüllten. Licht, Luft und Sonne waren die Schlagwörter jener Zeit, mit denen die Architekten gegen die Wohnverhältnisse in dunklen, feuchten Hinterhöfen der Gründerzeitära ins Feld zogen. Ziel war in erster Linie, für die kinderreichen Familien der Arbeiterschicht bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Helle Räume mit Fenstern zum Lüften, in die Wohnung integrierte Küchen und Bäder, aber auch getrennte Schlafräume für Kinder und Eltern waren programmatisch. Neue Fertigungsprozesse und Baumaterialien, die zu einer Serientauglichkeit des Bauens führten, die Minimierung der Grundrisse auf das Notwendige sowie die Reduktion der Details, Formen und des Dekors waren die Merkmale der damaligen Wohnungsbauten. «Die neue Zeit fordert den eigenen Sinn. Exakt geprägte Formen, jeder Zufälligkeit bar, klare Kontraste,

Auszug aus der poolologie, eine Typensammlung, Regelgeschosse – S. 69
Während für die Architekten des Neuen Bauens der gesellschaftliche Umbruch noch Fluchtpunkt ihrer architektonischen Utopien war, wurde der Massenwohnungsbau mit seinen standardisierten Grundrissen und Bauelementen für den Wiederaufbau des kriegszerstörten Europas eine ökonomische Notwendigkeit. In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts haben sich die Voraussetzungen jedoch fundamental gewandelt. Der Identitätsverlust durch die in Ballungsräumen marginalisierten Siedlungskerne und deren weitgehend wegrationalisierte Altbausubstanz verbunden mit einer vielerorts ungehemmt andauernden Bautätigkeit führte zu wachsendem Widerspruch aus der Bevölkerung. Die für die Arrondierung der Siedlungsgebiete notwendige innere Verdichtung stellt heute vielschichtige Fragen, die nach differenzierten Antworten verlangen. Wohnbauten vor allem als lukrative Investitions- und markttaugliche Designobjekte zu betrachten, greift

Auszug aus der poolologie, eine Typensammlung, Regelgeschosse – S. 83
Neben der beschriebenen Tendenz zur Vereinheitlichung gab es immer auch Protagonisten, die gerade im Wohnungsbau einen architektonischen Denkraum sahen. Beim Durchforsten von Wohnhäusern und Siedlungen in Europas Städten aus verschiedenen Epochen – des Jugendstils und des Expressionismus, der Nachkriegsarchitektur Italiens, der Wohnbauproduktion des Brutalismus – sowie der zahlreichen Architekturperlen auf andern Kontinenten, aber auch weiter zurückliegender historischer Vorbilder stossen wir auf einen unermesslichen Fundus an Grundriss- und Gebäudetypen mit einem eigenen, spezifischen Ausdruck und einem differenzierten Wohnangebot. Wir betrachten diese Sammlung von Typen als architektonische Basis, als Mitte, aus der heraus zahlreiche neue Projekte hervorgehen.
In diesem Buch versuchen wir, das Wechselspiel diverser Faktoren zu beleuchten. Dabei steht die typologische Sammlung im Zentrum. Um sie herum sind die Fragen nach dem Einfluss durch Utopien und Erfindungen, durch den spezifischen Ausdruck des Materials und durch die Kultur des Interieurs auf den Typus und umgekehrt Gegenstand der Auseinandersetzung.
- Simone Jeska, Raphael Frei, Mathias Heinz

Auszug aus der poolologie – S. 53

Auszug aus der poolologie – S. 54

Auszug aus der poolologie, eine Typensammlung, Regelgeschosse – S. 69

Auszug aus der poolologie, eine Typensammlung, Regelgeschosse – S. 83

